Die VIP-Lounge ist jetzt endgültig ein Raum nach dem Fest. Die Gläser stehen noch, aber niemand trinkt mehr. Die Lachsbrötchen sind zu kleinen Denkmalen schlechter Planung geworden. Das Licht ist zu warm für das, was der Abend inzwischen weiß, und zu weich für die Zahlen, die offen auf dem Tisch liegen. JONATHAN sitzt auf der Armlehne eines Sessels, einen alten Zeitungskarton auf den Knien, und sieht aus wie ein Mann, der gehofft hatte, wenigstens die Buchhaltung des Grauens bereits hinter sich zu haben. Jennifer sitzt am niedrigen Tisch vor dem Fenster, den Rücken gerade, eine Lesebrille etwas tiefer auf der Nase, vor sich drei ordentliche Stapel: Franklins aktuelle Schulden, Bau- und Asbestunterlagen und alte Pressemappen und Archivmaterial der Halle. Draußen spiegelt das Fenster nur Dunkelheit und den Raum selbst zurück. Die Halle scheint jetzt überall im Gebäude weiterzuatmen, ohne noch zu wissen, wofür.
Jonathan hält ein vergilbtes Programmheft hoch.
JONATHAN
Ich muss zugeben, Schatz, ich mag Hallenarchive. Sie riechen nach Staub, Ehrgeiz und Verschweigen.
Jennifer blättert weiter.
JENNIFER
Das Verschweigen ist meistens der teuerste Teil.
Jonathan klappt das Heft zu und greift in den Karton.
JONATHAN
Hier sind alte Pressefotos. Sechziger, siebziger Jahre. Alles sehr patriotisch. Sehr viele Männer, die aussehen, als hätten sie im Zug gelernt, wie man in Kameras lügt.
Jennifer streckt die Hand aus, ohne aufzusehen.
JENNIFER
Gib her.
Jonathan reicht ihr den Stapel. Jennifer legt ihn neben die Bauunterlagen und beginnt, die Bilder mit jener stillen Genauigkeit durchzugehen, mit der andere Menschen Schmuck prüfen oder Spielkarten zählen. Ein Mannschaftsfoto. Ein Eröffnungsball. Ein Lokalpolitiker mit zu großem Schal. Ein Eiskunstlaufpaar. Eine Delegation aus Innsbruck. Dann hält sie inne. Nicht dramatisch. Nur sofort ganz still. Jonathan erkennt das inzwischen.
JONATHAN
Was ist es?
Jennifer antwortet nicht sofort. Sie hebt das Foto leicht gegen die Lampe. Es ist ein schwarzweißes Pressebild, leicht geknickt am Rand. Zwei Männer stehen darauf vor einem Transparent in Innsbruck, gebürstet, dünner als heute, aber nicht unkenntlich. Jonathan rutscht von der Sessellehne und kommt näher.
JONATHAN
Zeig!
Jennifer hält ihm das Bild hin. Unter dem Foto steht in verblasster Druckschrift: „Dr. Dorian Toolidle und der russische Sportarzt Wasilji Frantzusow anläßlich der olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck.“ Jonathan liest. Dann noch einmal.
JONATHAN
Toolidle?
Jennifer sieht wieder auf das Foto.
JENNIFER
Das ist unser Arzt hier.
JONATHAN
Und Frantzusow?
Sie tippt mit dem Finger auf den zweiten Mann.
JENNIFER
Franklin. Nur nicht als Franklin.
Jonathan nimmt ihr das Bild ab und hält es näher. Der jüngere Franklin trägt das Gesicht noch härter, noch sowjetischer in seiner Strenge, ehe die Jahre im Westen ihm das philanthropische Lächeln beigebracht haben. Der Arzt daneben wirkt kaum anders als heute — nur schlanker, ehrgeiziger und weniger geübt darin, Harmlosigkeit zu spielen.
JONATHAN
Wasilji Frantzusow.
JENNIFER
Ja.
JONATHAN
Ein russischer Sportarzt?
JENNIFER
Was interessant ist, weil unser jetziger Turnierarzt sich vorhin wie jemand anhörte, der Franklin bloß flüchtig aus irgendeiner Stiftungssitzung kannte. Und wenn er 1964 schon Arzt war, dann muss er jetzt ja schon über 80 Jahre alt sein. Uff, wie abgelegen ist dieses Provinznest eigentlich, dass sie hier nicht einmal einen unpensionierten Arzt beschäftigen können. Jonathan legt das Bild vorsichtig auf den Tisch.
JONATHAN
Bei der Besprechung hat er gesagt, er mache das gerne ehrenamtlich. Aber da wussten wir ja auch noch nicht, dass das Geld knapp war.
Jennifer blättert im Zeitungspaket weiter, zieht zwei weitere Ausschnitte hervor, vergleicht Daten, Orte, Namen.
JENNIFER
Offenbar ein Kongress über Sportmedizin und internationale Eissportförderung. Oder jedenfalls etwas, das damals nach außen so hieß.
Jonathan beugt sich zu ihr.
JONATHAN
Und in Wahrheit?
Jennifer hebt die Schuldenmappe an, lässt sie wieder sinken und tippt dann auf das Bild.
JENNIFER
In Wahrheit hatten wir also keinen Toten, der irgendwann später in dunkle Kreise geriet. Wir hatten einen Mann, der schon 1964 in Innsbruck als russischer Sportarzt in einem Kontext auftauchte, in dem auch unser heutiger Arzt anwesend war.
Jonathan fährt sich langsam über das Kinn.
JONATHAN
Das heißt, die beiden kennen sich seit mehr als sechzig Jahren.
JENNIFER
Oder sie arbeiteten seit mehr als sechzig Jahren im selben schlechten Theater.
Jonathan setzt sich jetzt richtig in den Sessel, aber nur, weil er im Stehen zu schnell denken würde.
JONATHAN
Moment. Wenn Franklin als „Wasilji Frantzusow“ unterwegs war und 1979 aus der UdSSR eingewandert ist, dann ist „Walter Franklin“ entweder ein neuer Name oder eine sehr teure Übersetzung.
Jennifer nickt.
JENNIFER
Ja. Und „Sportarzt“ kann dabei vieles heißen. Offiziell Betreuung, Doping, Leistungsmedizin. Inoffiziell Transport, Kontakt, Kurierdienst, Auslandswege.
Jonathan sieht auf die Zahlenblätter.
JONATHAN
Und irgendwann wird aus dem sowjetischen Sportarzt ein westlicher Philanthrop mit Schulden, Asbestproblem und einem erfundenen Stipendienfonds.
Jennifer nimmt das Bild wieder auf.
JONATHAN
Das ist schon fast beleidigend elegant. Wenn er sowjetisches Wissen gestohlen und an uns verkauft hat, dann ist der Ursprung seines Vermögens klar. Und auch seine teure Namensänderung wird dann plausibel. Ausgewandert 1979 kann auch heißen enttarnt 1979 und dann gerade noch rechtzeitig geflohen, bevor sie ihn nach Sibirien geschickt haben.
JENNIFER
Oder auf den Mond?
Stille. Jonathan sieht noch einmal auf die Bildunterschrift.
JONATHAN
Innsbruck 1964, eine Weltstadt. Und trotzdem sitzt der Turnierarzt heute hier als letztes Ausgedinge in einer siebzig Jahre alten Asbesthalde, deren Hauptsponsor sein alter Kollege oder Komplize war.
Jennifer legt das Bild neben die Schuldenunterlagen.
JENNIFER
Was Mulders sowjetische Phantasie leider ein Stück wahrscheinlicher macht.
Jonathan hebt die Brauen.
JONATHAN
Nur ein Stück?
Jennifer zieht ein weiteres Blatt heraus.
JENNIFER
Noch haben wir nur: einen bankrotten Toten, einen gefälscht großzügigen Abend, Asbest als Kostengrab, veruntreute Spenden, und ein altes Foto, auf dem der Tote unter anderem Namen mit dem Arzt auftaucht.
Jonathan nickt langsam.
JONATHAN
Wenn du das so aufzählst, klingt es fast nach einer vernünftigen Nacht. Mit einem russischen Namen. Das lenkt den Verdacht auf Rozanov. Vielleicht hat er ihn erkannt? Allen Russen kennen einander doch irgendwie, egal wie gut sie ihren Akzent wegpoliert haben.
Sie blättert weiter durch die Zeitungsausschnitte. Noch ein Foto aus Innsbruck. Noch ein Artikel über sowjetische Trainingsmethoden. Noch ein Bericht über Austauschprogramme und medizinische Innovationen im Wintersport.
Dann sagt sie ruhig:
JENNIFER
Ich glaube nicht mehr, dass Franklin heute Abend nur Geld von seinen Söhnen wollte.
Jonathan sieht sofort auf.
JONATHAN
Sondern?
JENNIFER
Vielleicht auch Schweigen. Oder alte Loyalität. Oder Schutz vor jemandem, der seine Vergangenheit besser dokumentiert hat, als ihm lieb war.
Jonathan blickt wieder auf das Foto.
JONATHAN
Toolidle? Und wenn Franklin unter seinem alten Namen nach Innsbruck gereist ist, als russischer Sportarzt, dann könnte Rozanovs Großvater ihn tatsächlich gekannt haben. Oder gejagt. Oder beides.
Jennifer nickt knapp.
JENNIFER
Ja.
Jonathan lehnt sich zurück und starrt zur Decke, als wolle er dem Gebäude selbst die Verantwortung für diesen Plot zuschieben.
JONATHAN
Ich wollte wirklich nur nett sein und Stipendien fördern.
Jennifer sammelt jetzt sehr gezielt die entscheidenden Blätter: das alte Innsbruck-Photo, die Bildunterschrift, die Schuldenübersicht , das Asbestgutachten und die Umbuchungsliste der heutigen Spendeneinnahmen.
JENNIFER
Und das waren wir auch. Nur offenbar in schlechter Gesellschaft.
Jonathan steht wieder auf.
JONATHAN
Dann sollten wir Mulder und Scully sagen, dass ihr Toter nicht nur bankrott war, sondern in den Sechzigern schon unter falschem Namen mit dem Arzt in olympischen Zusammenhängen auftauchte.
Jennifer schiebt das Foto in die obere Mappe.
JONATHAN
Und dass „Wasilji Frantzusow“ nach einer Figur klingt, die man in einem ehrlichen System niemals zu viel Nähe zur Sportmedizin gestatten sollte.
Sie steht auf, nimmt die Mappe, sieht noch einmal auf die zurückgelassene Karte des Turniers: INTERNATIONALES WOHLTÄTIGKEITSTURNIER FÜR HOCKEYSTIPENDIEN
JONATHAN
Denkst du, Mulder wird sich freuen?
Jennifer tritt an ihm vorbei in den Flur.
JENNIFER
Mulder freut sich immer, wenn die Welt unordentlicher wird. Scully nur, wenn man es belegen kann.
Jonathan folgt ihr.
JONATHAN
Dann sind wir heute Abend für beide nützlich.
Die Tür bleibt einen Moment offen. Drinnen, auf dem Tisch, bleibt nur noch ein einzelner Zeitungsausschnitt zurück. Darauf ein Satz, halb von einer Kaffeetasse verdeckt: „Internationale Zusammenarbeit im Wintersport stärkt Vertrauen über Blockgrenzen hinweg.“ Dann fällt die Tür ins Schloss.


