Der Besprechungsraum oberhalb des Foyers

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Der Besprechungsraum sieht aus, als hätte man ihn in den fünfziger Jahren für Vereinsvorstände gebaut und seitdem nur nie modernisiert. Zu helles Deckenlicht. Graugrüne Wände. Ein zu langer Tisch aus dunklem Holzimitat. Vier Stühle auf der einen Seite, zwei auf der anderen. Ein Thermoskännchen mit abgestanden riechendem Tee, daneben ein Teller mit trockenen Butterkeksen, die aussehen, als seien sie ebenfalls noch in den fünfziger Jahren angeschafft worden. Durch die geschlossene Tür dringen die Geräusche der Halle nur noch gedämpft herein. Mulder steht nicht am Tisch, sondern am Fenster, das nur auf einen dunklen Innenhof hinausgeht. Scully sitzt bereits, die Mappe vor sich geschlossen, als hätte sie beschlossen, erst dann zu schreiben, wenn Menschen anfangen, nützlich zu werden. Die Tür geht auf. Nacheinander treten ein:
LUC MOREAU.
DANIEL MERCER.
SHANE HOLLANDER.
ILYA ROZANOV.
Vier Männer, vier Arten von Anspannung. Moreau sieht aus, als trüge er Haltung wie andere Leute ein Jackett. Mercer wie jemand, der gelernt hat, Kontrolle enger zu schnallen, je hässlicher die Situation wird. Shane wirkt ruhig, aber nur, wenn man nichts von Schultern und Händen versteht. Ilya ist wieder ganz glatt geworden, was bei ihm nie Entspannung bedeutet. Mulder deutet auf die vier Stühle.


MULDER
Meine Herren. Setzen Sie sich!


Keiner tut es sofort. Shane zuerst, halb widerwillig. Moreau mit knapper, korrekter Bewegung. Mercer ohne Geräusch.
Ilya zuletzt. Scully sieht die Reihenfolge. Sagt nichts. Mulder wartet, bis alle sitzen. Dann bleibt er stehen.


MULDER
Ich bin Special Agent Fox Mulder vom FBI, das ist meine Kollegin Special Agent Scully. Sie ist auch Ärztin und war dabei, als Walter Franklin vor wenigen Minuten gestorben ist.


Die Worte ändern den Raum nicht. Das ist fast schlimmer. Moreau senkt den Blick nicht. Mercer ebenfalls nicht. Shane wird noch stiller. Ilya reagiert gar nicht sichtbar.


SCULLY
Wir wissen im Moment nicht sicher, woran er gestorben ist. Ein natürlicher Kollaps ist möglich. Andere Möglichkeiten sind ebenfalls offen.


Mulder nimmt das auf, aber nicht in beruhigender Richtung.


MULDER
Was wir außerdem wissen: Mehrere Menschen in dieser Halle hatten Gründe, sich für Walter Franklin nicht nur aus wohltätiger Dankbarkeit zu interessieren.


Er sieht in die Runde.


MULDER
Und da Sie alle vier in unmittelbarer Nähe waren, beginnen wir mit Ihnen.


Moreau lehnt sich keinen Millimeter zurück.


MOREAU
Auf welcher Grundlage genau?


MULDER
Auf der Grundlage, dass ein Mann auf dem Eis zusammengebrochen ist, dessen Vergangenheit interessanter ist als seine Stiftungsbroschüren.


Mercer spricht zuerst. Seine Stimme ist ruhig, fast zu ruhig.


MERCER
Sie halten uns also fest, weil unser Gastgeber vor Publikum gestorben ist.


MULDER
Ich halte niemanden fest. Ich bitte um Kooperation, bevor ich anfange, formeller zu werden.


Shane sieht kurz zu Mercer, dann wieder zu Mulder.


SHANE
Was genau wollen Sie hören?


SCULLY
Zunächst etwas Einfaches. Wo waren Sie jeweils in den letzten zwanzig Minuten vor dem Zusammenbruch?
Mulder beobachtet nicht nur die Antworten. Er beobachtet, wer auf welche Frage zuerst vorbereitet wirkt.


Moreau antwortet zuerst.
MOREAU
Bei meiner Mannschaft. Dann an der Bande. Dann bei der Schlussaufstellung. Jeder im Saal hat mich gesehen. Sie hätten das auch gesehen, wenn Sie nicht nur den Schickimickis auf der Bühne auf den Brötchenteller geschaut hätten.


SCULLY
Durchgehend?


MOREAU
So weit ich weiß, ja.


Mercer folgt.
MERCER
Ebenso. Spiel, Bande, Schlussaufstellung. Wenn Sie vom FBI sind, sollen wir dann einen Anwalt hinzuziehen? Oder den Botschafter? Oder zumindest unseren Trainer. Meine Mannschaft besteht nur aus britischen Staatsbürgern. Sie haben keine Macht über uns.


SCULLY
Waren sie heute abends irgendwann allein, Mr. Mercer? Mit Betreuern? Mit Franklin?


MERCER
Nicht mit dem Philantropen, wie er hier von seinen Verehrern genannt wird.


Ein kleiner Zug um den Mund. Nicht Schmerz. Eher Widerwillen, den Namen im selben Satz mit sich zu hören.
Shane kommt als Nächster.


SHANE
Bei meiner Mannschaft. Vor dem Spiel kurz weg, dann wieder am Eis. Danach nur noch Aufstellung und Schlusszeremonie.


Scully hebt den Blick.


SCULLY
Kurz weg wohin?


Shane antwortet zu schnell, merkt es selbst und fängt sich.


SHANE
Toilette. Frische Luft. Falsche Richtung. Suchen Sie sich was aus.


Mulder speichert das. Dann Ilya.


ILYA
Spiel. Mannschaft. Korridor. Für eine Zigarette. Dann zurück. Dann Eis.


Da ist es. Nicht in der Information. In der Parallelität. Mulder sagt nichts dazu. Noch nicht. Scully schon gar nicht. Sie schreibt nur ein paar Wörter. Zigarette - Frische Luft. 


SCULLY
Auch Sie beide waren also jeweils kurz weg?


Shane zuckt mit einer Schulter.


SHANE
Ist das in dieser Halle verboten?


ILYA
Ich wusste nicht, dass schlechte amerikanische Architektur mich zum Verbrecher macht.


Mulder lächelt nicht. Dafür ist er zu interessiert.


MULDER
Normalerweise nicht. Heute Abend vielleicht schon.


Stille.
Scully schlägt die Mappe nicht auf, sondern lässt sie geschlossen vor sich liegen.


SCULLY
Kannten Sie Walter Franklin, den Philanthropen, persönlich?


Die Frage hängt im Raum, und jetzt wird sichtbar, wie verschieden Menschen lügen, bevor sie lügen.
Moreau sieht nicht überrascht aus. Eher so, als hätte er beschlossen, auf diese Stelle vorbereitet zu sein.


MOREAU
Flüchtig.


Mercer antwortet fast gleichzeitig.


MERCER
Ebenso.


SHANE
Nein.


Ilya einen halben Atemzug später:


ILYA
Nicht wirklich.


Mulder geht nun langsam einmal um den Tisch herum. Nicht aggressiv. Eher wie jemand, der einen Grundriss prüft, der vielleicht noch eine versteckte Tür hat.


MULDER
Flüchtig ist ein Wort, das Menschen gern benutzen, wenn die Wahrheit sozial aufwendiger wäre.


Moreau sieht zu ihm auf.


MOREAU
Dann fragen Sie sozial aufwendiger.


Mulder bleibt hinter seinem Stuhl stehen.


MULDER
Gut. Franklin war Ihr Vater.


Die Worte sind nicht laut. Aber sie schlagen sauber ein. Shane dreht den Kopf zu Moreau. Ilya sieht für den ersten echten Moment des Abends überrascht aus. Mercer bleibt still wie Glas. Moreau hebt den Blick nicht ab.


MOREAU
Biologisch, ja.


Mulder geht einen Schritt weiter.


MULDER
Und Franklin war auch Ihr Vater.


Jetzt zu Mercer. Mercer lässt sich eine Sekunde Zeit, gerade lang genug, dass jeder im Raum sein Schweigen mitliest.


MERCER
Ja. Aber ich bin Brite.


Shane sitzt jetzt ganz still. Nicht aus Neutralität. Eher, weil eine neue Zahl von Möglichkeiten in seinem Kopf gerade gleichzeitig aufzustehen versucht. Ilya sieht zwischen Moreau und Mercer hin und her. Nicht offen. Aber er rechnet.
Scully übernimmt, ruhig und völlig ohne dramatische Geste.


SCULLY
Damit wir denselben Boden haben: Moreaus Mutter war Franklins französische Ehefrau. Mercers Mutter die britische Zofe. Beide Frauen hatten später ebenfalls eine Beziehung miteinander. Sie beide sind Halbbrüder. Korrekt?


Moreau sagt nichts. Mercer sagt nichts. Dann Moreau:


MOREAU
Ja.


Mercer, trockener:


MERCER
Wenn wir schon private Geschichte in ein Polizeiverhör verwandeln, dann wenigstens präzise.


Shane lehnt sich leicht zurück, das Gesicht einen Augenblick offen genug, um zu zeigen, dass er auf genau diese Richtung nicht vorbereitet war.


SHANE
Jesus.


Ilya sagt gar nichts. Aber das Wort Familie steht jetzt anders im Raum als noch vor wenigen Minuten. Mulder tippt leicht mit dem Finger auf die Tischkante.


MULDER
Das erklärt schon einmal, warum Franklin von Ihnen beiden nicht wie ein beliebiger Sponsor angesehen wurde.


MOREAU
Er war auch kein beliebiger Sponsor.


MERCER
Nein. Er war nur ein sehr konsequenter Fehler mit guten Manieren.


Scully sieht zu Mercer. Das ist das erste ehrlich klingende Stück Emotionalität im Raum.


SCULLY
Haben Sie vor dem Spiel mit ihm gesprochen?


Mercer antwortet sofort:


MERCER
Er wollte, ich nicht. Er hat mich in acht Jahren Internat kein einziges Mal angesprochen, angerufen oder besucht. Warum sollte ich hier mit ihm sprechen?


Moreau, fast gleichzeitig:


MOREAU
Ich hatte keinen Kontakt zu ihm, nicht heute und nicht in den letzten zwanzig Jahren.
Shane sieht wieder zwischen beiden hin und her.


Mulder bleibt bei Mercer.


MULDER
Worüber wollte er heute sprechen?


MERCER
Familie.


MULDER
Das ist kein Thema. Das ist ein Nebel.


Mercers Gesicht wird nicht härter, eher blanker.


MERCER
Er faselte etwas von Loyalität. Über alte Bindungen. Über den Umstand, dass manche Leute vergessen, wem sie ihre Stellung verdanken. Und ihr Einkommen.


Mulder speichert das. Dann zu Moreau.


MULDER
Und bei Ihnen?


MOREAU
Über Verantwortung. Über Namen. Darüber, dass gute Söhne wissen sollten, wann man eine Vergangenheit ruhen lässt. Und wann man in die Zukunft investiert.


Shane sieht jetzt nicht mehr nur angespannt aus. Sondern, als merke er gerade, dass er vielleicht auf die falsche Art die falsche Geschichte geschützt hat. Ilya merkt das an ihm und wird davon seinerseits nicht ruhiger. Scully wendet sich nun an Shane.


SCULLY
Es könnte also sein, dass er einem von Ihnen den Sieg manipulativ zukommen lassen wollte, um ihm die größte Portion der Wohltätigkeitsgelder zu überantworten. Und den zweiten - wer von Ihnen beiden das auch ist - zu überreden, den ersten gewinnen zu lassen. Das könnte zu Betrug werden und Ihren Ausschluss aus Ihren Teams bewirken. Das sind zwei Motive zuviel. Mr. Hollander, Sie sagten, Sie kannten Walter Franklin nicht persönlich. Und doch waren Sie kurz im Korridor. Haben Sie dort etwas gehört oder gesehen, das jetzt relevant sein könnte?


Shane hält ihrem Blick stand. Das ist bei Scully nie angenehm, weil sie Menschen nicht nur ansieht, sondern ihre Reihenfolge prüft. Er antwortet vorsichtig.


SHANE
Vielleicht. Nicht genug, um daraus eine Geschichte zu bauen.


Mulder springt sofort darauf an.


MULDER
Dann geben Sie mir die Teile. Das Bauen übernehme ich.


Shane ignoriert den Versuch, ihn aus der Reserve zu ziehen.


SHANE
Ich habe Stimmen gehört. Franklin. Den Arzt. Angespannt. Mehr nicht.


Ilya sagt ohne Vorwarnung:
ILYA
Ich auch. Als ich die Zigarette geraucht habe.


Shane dreht den Kopf zu ihm. Zu schnell. Mulder merkt es. Scully ebenfalls. Jetzt ist der Raum nicht mehr nur durch Franklin verknüpft. Jetzt laufen auch zwischen Shane und Ilya sichtbare Linien.


SCULLY
Auch Sie waren also am Korridor und haben etwas gehört.


ILYA
Ja.


MULDER
Dasselbe?


Ilya sieht ihn an.
ILYA
Wenn ich dasselbe gehört hätte wie Hollander, dann hätte ich Hollander ja auch getroffen, oder?


Shane presst den Mund zusammen. Das war nicht abgesprochen. Aber es ist auch keine glatte Lüge. Mulder schaut von einem zum anderen.


MULDER
Wie reizvoll. Haben Sie Mr. Hollander am Korridor getroffen, getrennt von den anderen?


ILYA
Nein. Dazu gibt es keinen Grund. Ich habe ihn nur auf dem Eis getroffen. Und besiegt!


SCULLY
So sieht es zumindest aus. Oder auch hier gab es eine Absprache, wer gewinnt.


Ilya überlegte hektisch, ob das eine Beleidigung, ein Vorwurf oder eine Falle war. Aber lieber verdächtigt werden, ein Spiel durch Manipulation gewonnen zu haben, als etwas anderes. Moreau lehnt sich nun zum ersten Mal leicht vor.


MOREAU
Sind wir jetzt hier, weil ein alter Mann zusammengebrochen ist, oder weil Sie plötzlich Freude daran entwickeln, jede private Unordnung der Anwesenden zu einem Motiv aufzuladen?


Mulder sieht ihn an.


MULDER
Beides.


Mercer schließt kurz die Augen, als habe er genau diese Antwort erwartet. Scully bleibt die Ruhigere von beiden.


SCULLY
Wir wissen noch nicht, woran Franklin gestorben ist. Aber wir wissen bereits, dass es familiäre, historische und möglicherweise finanzielle Vorteile gab.


Moreau sieht sie einen Moment länger an. Dann nickt er knapp. Eher der Methodik als der Situation zugestanden.
Mulder tritt wieder an die Stirnseite des Tisches.


MULDER
Gut. Dann ab jetzt klar. Niemand verlässt die Halle. Wir sprechen mit jedem von Ihnen noch einmal einzeln. Danach möglicherweise mit weiteren Spielern, Betreuern und Helfern. Und falls einer von Ihnen gerade auf die Idee kommt, irgendwen zu decken, weil er glaubt, die Lage damit menschlicher zu machen—


Sein Blick geht bewusst erst zu Shane, dann zu Ilya, dann kurz zu den Halbbrüdern.


MULDER
—tun Sie es nicht.


Shane sagt nichts. Ilya ebenfalls nicht. Moreau schaut zur Tür. Mercer auf die Tischplatte. Scully klappt nun endlich die Mappe auf.


SCULLY
Wir beginnen mit Captain Moreau. Danach Captain Mercer. Dann Captain Hollander. Dann Captain Rozanov. Ich nehme noch Blut- und Speichelproben zur Sicherheit.


Scully öffnet ihre Medizintasche und nimmt die angekündigten Proben. Die Stille im Raum ist lauter als Lärm. Erst als sie alle acht Röhrchen in den Behälter gesteckt hat, nickt sie Mulder zu. Sie verläßt den Raum.


MULDER
Captain Moreau bleibt. Die anderen drei warten draußen. Und bitte: keine Gespräche auf dem Flur.


Mercer steht als Erster auf. Shane bleibt einen Sekundenbruchteil zu lang sitzen, als wolle er noch etwas sagen, tut es aber nicht. Ilya erhebt sich lautlos. Beim Hinausgehen streifen sich Shanes und Ilyas Blicke. Nicht lang. Nicht freundlich. Nicht entlastend. Nur mit genau der falschen Art von Verständnis, die jemanden verdächtiger macht, nicht weniger. Dann sind sie draußen. Moreau bleibt sitzen. Die Tür schließt sich. Das erste echte Verhör kann beginnen.

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